Ich bin ein Blatt Papier

Ich bin ein Blatt Papier.
Unbeschrieben, leer und manchmal eintönig. Ich habe viele Seiten, ähnliche Seiten und doch, irgendwie, nur eine auf die du schaust.
Wenn du mich mit Worte füllst, sauge ich sie auf. Buchstabe für Buchstabe. Ich lasse dich schreiben, reden, deine Geschichte erzählen. Manchmal sind es schöne Worte, manchmal klingen sie traurig. Und wenn es zu viel mit uns wird, dann knüllst du mich ganz schnell zusammen. Tust mir dabei weh. Deine Worte verschwinden, sind völlig verzerrt und ineinander verschwommen. Ich tue dir weh, indem ich mich nicht wehre. Wie auch? Du lässt mich fallen. Irgendwohin. Weit weg. Dorthin, wo ich dich nicht so schnell wieder finde.

Ich bin ein Blatt Papier.
Meistens kommst du zurück, hebst mich auf, nimmst mich in deine Hände, siehst mich an. Für einen Moment. Für eine Weile. Für eine lange Zeit. Dann faltest du mich auf, vorsichtig, behutsam, schuldbewusst. Erst eine Ecke, dann die andere, als sei ich aus Porzellan. Zerbrechlich. Leicht. So leicht und verletzlich.
Du streichst mich glatt. Die Oberfläche ist verknittert. Du hast Falten hinterlassen. Tiefe Falten, die aussehen wie Narben. Unschöne Narben, die Geschichten erzählen. Du siehst sie, aber sagst nichts. Und dann behältst du mich, legst mich in deine Nähe. Ich an deiner Seite. Mit der Zeit heilen deine Wunden, aber was ist mit meinen Wunden?

Ich bin ein Blatt Papier.
Du faltest mich zusammen, sorgfältig und ordentlich. Machst mich zu einem Papierflugzeug und lässt mich fliegen. Und ich fliege. Weit und hoch. Schwerelos und frei. Ich fliege. Allein. Ohne dich. Und ich kann es. Ich drehe mich in einer Spirale, lasse den Wind über mich gleiten. Ich genieße die Kostprobe der Unabhängigkeit.
Und wenn ich wieder lande, wieder auf dem Boden ankomme, dann möchte ich nicht mehr damit aufhören. Mit dem fliegen. Mich frei zu fühlen. Allein zu fühlen. Aber das merkst du nicht. Noch nicht. Du lässt mich wieder fliegen. Und ich gleite aus deinen Fingern. Stück für Stück. Hoch und höher.

Für dich bin ich nur ein Blatt Papier.
Unbeschrieben, leer und manchmal eintönig.
Und ich wünschte, du würdest genauer hinsehen. Mich ansehen. Sehen, dass da mehr ist. Viele Seiten, die ich dir präsentiere, dir zeige.

Ich bin nicht nur ein Blatt Papier.
Und trotzdem nutzt du nur das eine.


photo: shrbr.tumblr.com
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6 Gedanken zu “Ich bin ein Blatt Papier

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