Vom EM-Fieber bis zur flüchtigen Affäre

„Was macht ihr denn da?“, brülle ich. „Seid ihr denn total bescheuert? Da ist das Tor! Daaaaa ist das Tooooor! Das Toooor! Seht ihr nicht das blöde Toooor?“

Okay. Ich gebe zu, das ist meine unschöne Seite. Dieses Gebrüll und dieses wilde Gestikulieren, das Augen aufreißen und der entgeisterte Gesichtsausdruck sind alles Teil meines unschönen Charakters. Mein Fußball-Charakter.

Um eine Sache klarzustellen: ich habe mit Fußball gar nichts am Hut.
Ich habe vorher nie etwas von Kimmich gehört und klatsche mir trotzdem mit der Handfläche gegen die Stirn und schreie: „Warum bewegt sich denn der Kimmich nicht?“

Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Abseits auf sich hat, wieso die Franzosen eigentlich schon in der Halbzeit noch schnell einen 11-Meter schießen dürfen und wieso der Schiedsrichter ermutigend in die Trillerpfeife bläst, wenn die Franzosen meinen, es wird wieder Zeit für einen Freistoß. Vermutlich gibt es Gründe, aber die kenne ich nicht. Die will ich vielleicht auch gar nicht kennen. Denn ich bin mit Herzblut dabei. Laut und grölend. Schreiend, wie Tarzan. Mit den Armen in der Höhe, als ob es in rasender Geschwindigkeit mit der Achterbahn senkrecht nach unten geht.

„Hector!“, brülle ich. „Heeeectoooor!“

Weil jeder auf Hummels steht, entscheide ich mich für eine flüchtige EM-Liebe mit Hector. Von weitem gefällt er mir. Außerdem hat er das entscheidende, erleichternde, vom Herzinfarkt rettende Tor gegen Italien geschossen. Ich halte zu ihm, so wie es sich gehört. Dass er einen Vornamen hat, ist mir egal. Für mich heißt er Hector Hector. Sowohl mit Vor- als auch Nachnamen.

Es ist das erste Mal, dass ich die EM mitbekomme. So richtig, meine ich. Davor war die WM das große Spektakel mit Public Viewing, Bier im Überschuss und schwarz-rot-goldener Kriegsbemalung. Die EM war da eher Nebensache. Einen Weltmeister-Titel zu tragen ist doch sowieso viel cooler.

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„Die Franzosen haben so gut abgewehrt. Die waren überall. Da konnte einfach keiner von uns durchkommen. Und was ist eigentlich mit Thomas Müller passiert?“

Hach, wie ich solche Diskussionen mit den Mädels liebe. Wir fachsimpeln und nehmen jede Leistung eines jeden Spielers sorgfältig auseinander. Fußballregeln werden genau erklärt und ergeben plötzlich Sinn, ganz gleich ob das Gesagte nun stimmt oder nicht. Da ist so viel Beteiligung, so viel Wissen, so viel Interesse. Stundenlang könnte ich über das Spiel reden, mich ärgern und Mitleid für Jogi hegen. Wir werden alle zu Fußballprofis, Experten, Besserwisser. Wir sprechen von „uns“ anstatt von „der Mannschaft“, denn egal ob vor der Leinwand oder auf dem Spielfeld, wir sind alle mit dabei.

„Die Schiedsrichter haben einfach nichts drauf!“

Die Welt bricht zusammen, als das 2:0 feststeht. Frankreich hat gewonnen. Deutschland ist raus. Weg ist der Titel des Europameisters. Die Trauer ist enorm. Alle sind niedergeschlagen. Alle den Tränen nahe. Bei manchen brodelt die Wut. Unverständnis. Sprachlosigkeit. Was ist da nur passiert? Wir trösten uns mit den Worten: „In zwei Jahren ist wieder WM.“ Eine resolute Aussage, als wäre der nächste WM-Titel schon für uns reserviert. Vielleicht ist er das auch. Wer weiß. Wunder geschehen immer wieder.

Der Schock ist überwunden. Ich bin ausgelaugt. Das EM-Fieber hat mich richtig heftig mitgenommen. Ich bin fix und fertig und froh, dass das Wochenende vor der Tür steht. Wer jetzt das Finale gewinnt, ist mir nun auch egal. Deutschland ist ja eh raus. Die Hector-Affäre hat sich genauso schnell in Luft aufgelöst. Zurück bleiben die Glücksmomente.

Mit der heißen Teetasse in der Hand lebe ich weiter. Fahre da fort, wo ich seit dem Beginn der EM aufgehört habe. Meine innige Leidenschaft für das Thema Fußball ist dabei schon wieder ganz vergessen.

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