Mauritius und die Google-Bilderbuchstrände

Die Aussicht aus dem Fenster ist vielversprechend.
Ich sehe Wasser. Viel Wasser. Dunkel und funkelnd, als hätte jemand Diamanten fallen gelassen, die auf der Oberfläche tanzen. Und dann ist da eine Insel. Von hier oben sieht sie klein und grün aus. Ein wenig hügelig, aber das macht den Anblick nur noch interessanter.

Das ist sie also: Mauritius. Die Insel. Das Paradies. Die Auszeit. Meine Auszeit.

The view from the window is promising.
 I see water. A lot of water. Dark and sparkling, as if someone had dropped dancing diamonds on the surface. And then there is an island. From above here it looks small and green. A little hilly, but that makes the sight even more interesting.
This is it: Mauritius. The island. The paradise. The time out. My time out.

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Der Mietwagen wartet vor dem Flughafen und ich fahre los. Immer weiter rein in das Geschehen. Überall herrscht Linksverkehr. Ungewohnt, aber machbar. Ich verfahre mich immer und immer wieder und stelle fest, dass es diesmal nicht an mir und meiner fragwürdigen Orientierung liegt, sondern an den fehlenden Schildern.
Relativ schnell erkenne ich in den nächsten Tagen, dass diese grüne Insel wenig Wert auf Schilder legt. Also fahre ich der Nase nach. In jede Himmelsrichtung und lerne so die Insel noch viel besser kennen. Ich komme in Ecken, die auf der Karte nie erwähnt werden. Ich treffe auf Menschen, die so herzlich und aufgeschlossen sind, dass mir ganz warm wird.

The car is waiting at the airport and I drive off, heading straight in the action. Everything is on the left. It’s unusual, but makeable. I get lost over and over again until I realize that it’s not me and my questionable orientation but the missing signs!
In the next few days I quickly learn that this green island doesn’t really care for street signs. So I just follow my nose in every direction, and I get to know Mauritius even better. I end up in corners that are never mentioned on the map. I meet people who are so friendly and open, it makes me all warm and happy inside. 

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Morgens um sechs Uhr darf ich auf einem wackeligen Fischerboot mitfahren. Es geht weit hinaus aufs ruhige, dunkle Meer. Die Sonne geht gerade auf. Ein toller Anblick. Und dann heißt es Flossen an, Brille auf die Nase und ab ins lauwarme Wasser. Ich finde Delphine. In Gruppen schwimmen sie an mir vorbei, tauchen auf, springen und sind wieder verschwunden.
„Zurück ins Boot!“, ruft der Sohn des alten Fischermanns. „Schnell!“
Ich gehorche. Keine Minute später rauscht das Boot ruckelnd und ratternd über das Wasser. Ich schaffe es gerade noch einen Schluck aus der Wasserflasche zu nehmen, als es wieder heißt: „Los! Los! Los!“
Ich ziehe die Brille zurück auf die Nase und springe umständlich ins Meer. Aber die Hektik und der Drill lohnen sich. Plötzlich sind da eine Horde Delphine direkt unter mir. Einer schwimmt sogar so dicht an mir vorbei, dass ich den Druck unter Wasser spüre und freudig grinse. Sowas erlebt zu Hause keiner!

At six o’clock in the morning I’m allowed to board a rickety fishing boat. We go far out into the quiet, dark sea. The sun is just rising. A great sight. And then it’s time to put on some flippers, swimming goggles and jump into the lukewarm water. I find dolphins. They swim in groups straight past me, emerge, jump and disappear.
„Back in the boat!“ The son of the old fishermen shouts. „Hurry!“
No minute later the boat rushes  across the water, bumpy and rumbling. I just about manage to take a sip from the water bottle when he calls: „Go Go Go!“
I place the goggles back on my nose and jump clumsily into the sea. But the rush and the drill is so worth it. Suddenly there is a horde of Dolphins right under me. One even floats so close past me that I can feel the pressure underwater. I can’t help but grin happily. Well, that’s something no one experienced at home!

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Mauritius offenbart mir Riesenschildkröten während der Paarungszeit, Kajakfahrten bei Sonnenuntergang, so starke Wellen, dass es mir die Taucherbrille und den Schnorchel wegreißt und verschollen bleiben. Ich werde mit einem Golf Cart kutschiert, wache mit der Sonne auf, teile mit Geckos das Badezimmer und kaufe eine Vielzahl an Gewürze, weil sie hier viel günstiger sind.

Mauritius reveals giant turtles during mating season. Kayak rides at sunset. Scary strong waves, that tear off my goggles and snorkel and remain missing. I get to drive with a golf cart, wake up with the sun, share the bathroom with geckos and buy a variety of spices, because they are much cheaper over here than at home.

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Trotzdem ist da was. Irgendetwas, das mich stört. Ich sitze am Strand, schaue auf das Meer hinaus. Der Himmel ist blau. Die Sonne strahlt. Eigentlich sollte ich zufrieden sein. Glücklicher als glücklich. Ich weiß nicht, was mein Problem ist. Ob ich ein Problem habe.

Nevertheless, there is something wrong. Something that bothers me. I sit on the beach, looking out to the sea. The sky is blue. The sun is shining. Actually, I should be pleased. Happier than happy. I don’t know what my problem is. Whether I have a problem.

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Die Erkenntnis trifft mich, als ich einen anderen Strand sehen möchte. Irgendwo am anderen Ende der Insel. Ich fahre und fahre und folge den Schildern bis es keine mehr gibt und ich auf mich selbst gestellt bin. Ich will an den Strand. Frage danach, suche danach, doch als ich endlich einen öffentlichen Strand finde, bin ich enttäuscht. Da gibts nur schwarze Felsen, kaum eine Möglichkeit zu liegen. Der Einheimische gibt mir vage Anweisungen weiter in Richtung Süden zu fahren. Ich folge seinem Rat und suche dort nach meinem Ruhepol. Doch auch dort wo es schön sein soll, ist es zu klein, zu unbequem, zu öffentlich. Ich bin kein pingeliger Mensch, aber da war eine Vorstellung in meinem Kopf, die allmählich zerplatzte. Google Bilder schießen durch meinen Kopf. Mit Photoshop bearbeitet oder nicht, die Sehnsucht ist trotzdem die gleiche:

Wo zum Henker sind die tollen Strände?!

The realization hits me when I want to see a different beach. Somewhere at the other end of the island. I drive and drive and follow the signs until there are no more and I’m on my own. I want to go to the beach. I ask some locals, but when I finally find a public beach, I am disappointed. There is no way I can lie in between black rocks. Another local gives me vaguely instructions to continue to head south. I follow his advice and search for the next beach. But even when I arrive there isn’t anything beautiful to look at. I’m not a picky person, but there was an idea in my head that slowly bursts like a soap bubble . Google images flash through my head. Edited with Photoshop or not, the question is still the same:
Where the hell are the gorgeous beaches ?!

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Als ich die letzten zwei Nächte in einer dieser vielen Honeymoon-Luxusresorts verbringe, ist mein Hunger nach den Google Bilderbuchstränden gestillt. Da ist er. Direkt vor der Anlage. Schön und sauber, morgens verlassen. Ruhig und angenehm. Gut gefüllt mit Fischen und Korallen. Mein Herz schlägt höher, aber nur für einen Moment. Dann wird mir bewusst, dass das nicht in Ordnung ist. Es gibt so viele Strände auf Mauritius, einige habe ich angesteuert, aber wenige waren tatsächlich schön. Und jetzt bin ich hier, in diesem riesigen Hotel und habe genau das vor Füßen, wovon zu Hause jeder träumt. Einen perfekten Strand. Einen Google-Bilderbuchstrand. Aber er ist für Touristen gemacht. Geputzt und gestriegelt. Mit Palmen versetzt. Ob die Fische real sind?

As I spend the last two nights in one of these many honeymoon luxury resorts, my hunger for the Google images beaches is stilled. There it is. Directly in front of the resort. Nice and clean, deserted in the morning. Quiet and pleasant. Filled with a good amount of fish and corals. My heart beats faster, but only for a moment. Then I realize that this isn’t okay. There are so many beaches in Mauritius, some I have had a good look at, but few were actually nice. And now I’m here in this huge hotel with everything right in front of me. A perfect beach. A Google picture book beach. But it’s made for tourists. Cleaned and groomed. Mixed with palm trees. Are the fish even real?

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Eine kleine Enttäuschung macht sich breit. Mauritius ist schön. Ich liebe das viele Grün und die Frische, die es mit sich bringt. Doch plötzlich weiß ich nicht, ob ich zu viel verlange. Oder zu nörgelig werde. Oder einfach nur in einer Traumwelt lebe. Denn verarscht fühle ich mich trotzdem. Die Bilderbuchstrände gibt es nur in Kombination mit einem teuren Hotel. Man zahlt seinen Preis. Von nichts, kommt also tatsächlich nichts.

A small disappointment spreads inside me. Mauritius is beautiful. I love the greenery and the freshness that it brings with it. Suddenly, I’m not sure if I’m asking for too much. Or if I’m being too grumpy. Or if I’m living in a dream world. But somehow I feel ripped. The picture book beaches are only available in combination with an expensive hotel. You pay a price. Nothing comes from nothing, I guess.

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Als ich wieder im Flieger sitze und aus dem Fenster sehe und die Insel unter mir immer kleiner wird, muss ich seufzen. Mauritius hat einen Schönheitsmakel. Die Perfektion wird überbewertet. Und ich lehne mich zurück, schließe die Augen, lasse meine schöne Reise noch einmal revue passieren und weiß, dass ich so schnell nicht wiederkommen muss.

When I’m sitting in the plane again and looking out the window and the island below me is getting smaller, I have to sigh. Mauritius has a minor flaw. Perfection is overrated. I lean back, close my eyes, reminisce and I know that I won’t be back that soon.
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5 Gedanken zu “Mauritius und die Google-Bilderbuchstrände

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