Mit dem Zug von Kapstadt nach Johannesburg

„Wir sollten unsere Nachbarn kennenlernen“, schlage ich flüsternd vor. „Ich will wissen, mit wem wir es rechts und links zu tun haben.“
Meine Schwester nickt. Wir verlassen unsere 2er-Schlafkabine und treten auf den schmalen Flur. Der Zug tuckert vor sich hin. Noch ist von den berüchtigt schönen Landschaften nichts zu sehen, aber das ist auch kein Wunder. Wir sind ja erst mit 1,5 Stunden Verspätung aus Kapstadt rausgefahren.

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Ich beäuge meine Nachbarn. Misstrauisch. Wachsam. Vorsichtig.
Denn da sind Stories in meinem Kopf, warnende Worte, besorgte Kommentare und natürlich die schockierte Schnappatmung meiner Mutter, als ich Wochen zuvor verkündete, dass ich mit dem Zug über Nacht von Kapstadt nach Johannesburg fahren werde.
„Spinnst du?“, hat sie gerufen. „Das ist gefährlich!“
Natürlich ist es gefährlich, aber irgendwie muss ich nach Johannesburg kommen, denn dort geht meine Reise weiter. Und fliegen war keine Option. Zu stressig. Zu umständlich. Und der +10 Stunden Hinflug nach Kapstadt hängt mir noch in den Knochen.
Naiv? Vielleicht ein bisschen.
Das Pärchen scheint nett zu sein, denke ich, während meine Augen die rechte Kabine scannt. Wir kommen ins Gespräch. Tauschen die üblichen Smalltalk-Floskeln aus. Die linke Kabine beinhaltet vier Männer. Einer von ihnen steht am geöffneten Fenster und sieht regungslos hinaus. Ab und zu wirft er einen Blick auf uns.
„Kann man die Tür von innen abschließen?“, fragt meine Schwester nervös.
Ich nicke. Alles schon abgecheckt. Als ich mit meiner optischen Kontrolle fertig bin, verliere ich die Anspannung. Ich habe keine Angst. Ich hatte auch nie Angst. Immerhin war all das meine Idee.

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Und die Idee war super.
Stunden später sind wir alle in Konversationen verwickelt. Es wird gelacht, erzählt, lamentiert, gescherzt und geflucht. Die Sonne geht unter und wir stehen am Fenster, bewundern die Landschaft. Diese wundervolle Landschaft. Ich fotografiere, filme, aber weiß, dass diese Eindrücke mit nichts so deutlich festgehalten werden können. In meinem Kopf ist der Film, aber den kann nur ich sehen.

Wir gönnen uns ein Abendessen im Bordrestaurant, dann wird geschlafen.
Nur von Schlaf kann hier leider nicht die Rede sein. Der Zug wackelt und ruckelt, quietscht und schleicht. Nachts wird an jeder Haltestelle angehalten. Die Luft ist stickig, aber ein geöffnetes Fenster lässt einen erfrieren. Was tagsüber noch 28 Grad war, ist nachts auf 13 Grad geschrumpft. Eine Decke haben wir nicht.

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„Ist der Zug immer so langsam?“, frage ich den Mann am Fenster.
Es ist wieder Morgen. Alle waren wach, außer wir. Es wurde bereits geklopft und sich lustig gemacht. Dabei war es erst 7 Uhr.
„Ja“, sagt der Mann und grinst, „wir haben keine schnelleren Züge in Südafrika.“
Der Zug fährt nicht schneller als die S-Bahn zu Hause. Also erzähle ich ihm von unseren Zügen. Vom ICE, der durch Deutschland rast und recht komfortabel ist.
Er lacht. Vorstellen kann er sich mein Gerede nicht. Da prallen Welten aneinander.

„Und wohin fahrt ihr?“, fragen die Männer.
„Johannesburg.“
Plötzlich herrscht Ruhe. Die Augen werden groß und größer. Der Blick besorgt, zweifelnd, unsicher. Und dann wird plötzlich von allen Seiten gleichzeitig gerufen.
Johannesburg ist gefährlich.
Johannesburg ist nichts für zwei junge Frauen.
Johannesburg ist böse.
Und da ist sie nun. Die Angst. Meine Angst. Denn diesmal kommen die Worte nicht von irgendwelchen Menschen, die noch nie in Südafrika waren und nur das glauben, was die Medien berichten. Das sind die Warnungen von Einheimischen. Von Menschen, die wissen, was Sache ist. Die Recht und Erfahrung haben.
„Das wird schon klappen“, sage ich abwinkend und glaube mir dabei aber selbst nicht mehr.

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Mit insgesamt 5 Stunden Verspätung erreichen wir ächzend, dampfend und quietschend den Hauptbahnhof in Johannesburg. Ich bin bereit. Ich werde mich dieser Stadt stellen. Ob ich es überlebe oder nicht. Ich bin hier und es gibt kein Zurück mehr. Über 30 Stunden in diesem Zug haben mich stark gemacht.
„Passt auf euch auf!“, hat der Mann am Fenster gesagt, bevor er einige Haltestellen vor dem Hauptbahnhof ausgestiegen ist. Seine stechend blauen Augen haben uns warnend durchbohrt.
„Er ist Holzfäller“, hat ein anderer Mann später zu uns gesagt.
Ob mich das beruhigt, weiß ich nicht.
Wir verabschieden uns voneinander. Mein Herz wird wieder warm, als einer der Männer sagt: „Ich danke Gott, dass ich euch beide kennenlernen durfte.“ Wir schütteln uns die Hände. Ich bin glücklich. Ich bin mittendrin. Genau, wie ich es liebe. Darum ist Zugfahren so schön. Man erlebt etwas. Man sieht etwas. Man lernt sich kennen. Und man lernt sich selbst einfach noch ein bisschen besser kennen.

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5 Gedanken zu “Mit dem Zug von Kapstadt nach Johannesburg

  1. Ach, Sam! Jetzt warte ich schon seit der Veröffentlichung des Beitrags auf eine Fortsetzung 😦 Das hast du wirklich so spannend geschrieben, und dann hältst du uns so hin… Aber an deinem Kommentar kann man ja erkennen, dass du Johannesburg offenbar gut überstanden hast 🙂

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